Ullrich Wannhoff, Berlin

 

„der kopf des vitus bering“

Konrad Bayer

Die Kunst des Reisens
Kopf ab
... schliesslich stürzte sich nansens begleiter über einen angeschossenen vogel, der im schnee herumhüpfte, und biss ihm den kopf ab ...
Reisen an die Grenzen des Möglichen
Ich lernte Ullrich Wannhoff als Reisenden kennen. Auf einer Tagung in der Frankeschen Stiftung in Halle, anläßlich des 250. Todestages von Georg Wilhelm Steller führte er Dias seiner Reisen ins äußerste Sibirien und auf die Beringinsel vor. Ich selbst nahm an dieser Tagung teil, um Werbung für ein Theaterprojekt zu machen, das sich mit einem Text über Vitus Bering beschäftigte. In dessen Mannschaft trat Steller seine Reise durch Sibirien bis nach Alaska an, die in einem furchtbaren Sterben auf der Beringinsel endete.
 
Ich machte Wannhoff mit meinem Projekt und dem ihm zugrunde liegenden Text bekannt, der sofort sein brennendes Interesse fand. Überraschend war dennoch die Wucht, mit der sich mir, nur wenige Wochen später (wiederum in Halle), der Maler ULLRICH WANNHOFF offenbarte.
 
warmes blut
dr. friedtjof nansen fragte seinen helfer joel, ob er nicht auch einen schluck warmen blutes haben wollte.
Er legte mir eine lange Reihe seiner Collagen, Zeichnungen und Gemälde vor, die den großen Vortragssaal der Franckeschen Stiftung in der Länge ausfüllten: Ein Feuerwerk symbolhafter Bilder, in wilder Gestik und mit starken Farbkontrasten meißtenteils auf russischem Zeitungspapier niedergegangen. Den Text, der diese künstlerische Explosion bewirkte, verdanken wir dem Wiener Dichter Konrad Bayer (1932-1964).
 
feuriger schweif
des nachts sahen die seefahrer flämmchen wie sterne auf der meeresfläche, oft folgte dem schiffe ein feuriger schweif ...
In den wenigen Jahren seines Schaffens hat Bayer es verstanden, eine außergewöhnliche Meisterschaft in der Anwendung der (deutschen) Sprache zu entwickeln, wobei er die Grenzen des Beschreibbaren sondierte. Sein Hauptwerk "kopf des Vitus bering" verbindet verschiedene Facetten seiner Kunst zu einem Gespinst seltsamer Bezüge und Assoziationsketten, die sich um die Lebensbahn des Entdeckers Bering wie ein flimmerndes Energiefeld gruppieren.
 
spuckt blut
... er spie faustgrosse steine und wasser und blut.
Bayer durchlebte in seiner Zeit die Reise mit Bering im Kopf, wohl unter Verwendung der zugänglichen historischen und wissenschaftlichen Informationen, aber auch angeregt von den abenteuerlichen Berichten anderer Entdecker und mit phantastischen Ausmalungen der Mythen und Schrecken des fernen nordöstlichen Eismeeres. Gleichwohl hat er Europa nie verlassen und seine poetische Biographie Berings ist ein Spiel mit Möglichkeiten und Vorstellungen.
 
viele monde und sonnen
wenn wolken am himmel sind, spiegelt sich zu weilen die sonne oder mond in den dünsten ab, und es sieht so aus, als ob mehrere sonnen oder monde zugleich am himmel stünden.
Mit ULLRICH WANNHOFF hat sich ein Künstler dieses Textes angenommen, der diese Gegenden der Beringexpedition wirklich bereist hat, 250 Jahre nach diesem und 40 Jahre nach Bayer. Er ist durch diese entlegene Gegend abseits des Abenteuertourismus und ohne den Schutzmantel westlicher Zivilisation gereist, in engem Kontakt mit den dort Einheimischen, bis an die Grenzen des Möglichen. Östlich durch Sibirien und Kamtschatka bis zur Beringinsel und in westlicher Richtung über Alaska auf die Aleuten.
 
die bordwache
die bordwache sang das alphabet und der oberst zog seinen säbel.
 
Dabei lebte er monatelang allein, sommers wie winters, ohne Kontakt zur Außenwelt auf menschenleeren Inseln, nur von dem, was er hintragen konnte und dem, was er dort fand.
 
das kaiserliche wappen
am mastkorb flattert ein gelber wimpel mit schwarzem doppeladler, dem kaiserlichen wappen.
WANNHOFFs Zugriff auf den Text ist ganz direkt. Einem ausgewählten Satz des Textes gibt er ein entsprechendes Bild. Der verwirrenden Vielfalt des sprachlichen Geschehens begegnet er mit archaischem Gestus und comichafter Spontaneität. Es entsteht ein Kaleidoskop von Schnappschüssen, in Eile festgehalten, weil die Gegebenheiten der Geschichte unsicher sind und sich ständig zu verändern drohen.
 
eismeer
der bug des schiffes zereisst das eis des meeres.
Mit sensiblem Gespür gelingt es dem Künstler allein durch die Wahl seines Ausdrucksmittel, das Wesen des Textes einzufangen: Der gewalttätige schwarze Strich findet seine Entsprechung in den Brüchen und Schnitten, mit denen Bayer seine Geschichte erzählt. Das verwendete russischen Zeitungspapier benennt den Spielort und betont den vorläufigen, protokollarischen Duktus des gegebenen Sprachmaterials,
 
eisberge
eis ist der feste zustand des wassers.
die allegorische Verwendung der -wenigen- Farben (Rot für Blut, Gelb für Licht, Blau für das Unergründliche, den Sternenhimmel und das Meer) verweist auf dessen metaphysische Grundtendenz. Wer den Text nicht kennt, wird ihn in den Bildern wiedererkennen. Darüber hinaus bildet der Zyklus aber (wenn man das Glück hat, ihn im Zusammenhang zu sehen) einen eigenständigen Kosmos, der auch ohne Kenntnis des Textes den Betrachter berührt.
 
alter ego
der schamane besitzt ein alter ego, ein tier oder ein baum ...
Die Gegenstände, für deren Abbildung sich WANNHOFF entscheidet, sind sehr persönlicher Natur. So begegnet man beispielweise Motiven wie Blut-Vogel-Bär-Stadt-Baum-Schiff auch an anderen Stellen seines Oeuvres. Insbesondere die Betonung des Blutmotivs rührt ganz offensichtlich von den Erfahrungen eines Lebens in einer pflanzenlosen Welt her, in der das Schlachten die Existenz bedeutet.
 
alter ego
Dass zwei so unterschiedliche Erlebniswelten wie die kopf geborene Bayers und die am eigenen Leib erfahrene WANNHOFFs in einen so regen Austausch geraten können, ist bemerkenswert und spricht für die visionäre Kraft des Einen, wie für die emotionale Empfänglichkeit des Anderen.
 
Stannes Schwarz
Hauptstrasse 36, 10827 Berlin / Schöneberg